Schulchronik

Aus der Schulchronik

Der wirtschaftliche Aufschwung ab Mitte der 1950er Jahre bewirkte eine Ära des Volksschulbaues im ganzen Land. Die Pettneuer Schulgebäude konnten den Anforderungen der geburtenstarken Jahrgänge nicht mehr gerecht werden. Insbesondere die Bestimmungen des neuen Schulorganisationsgesetzes (Klassenschülerzahl 30) machten den Neubau der Volksschule erforderlich. Er wurde in der Sitzung des Gemeinderates vom 7. Jänner 1955 beschlossen. In den Jahren 1955/56 wurde das neue Schulhaus (Planung Architekt DI Walcher vom Amt der Tiroler Landesregierung) unter Bürgermeister Robert Juen erbaut. Pro Haushalt leisteten die Gemeindebürger von Pettneu je vier Arbeitsschichten. Die Holzbezugsberechtigten mussten durch Kürzung ihrer Holzlosteile, neben der Schlägerung von 500 fm Holz aus dem Gemeindewald, ihr Scherflein dazu beitragen. Die neue Volksschule enthielt auch eine Lehrerwohnung, die heute unterrichtlichen Zwecken dient.

 Hermann Tschiderer; Eine Dorfgeschichte; 2003

altes Schulhaus

Die alten Schulgebäude wurden durch die neue Volksschule ersetzt. An Stelle der Knabenschule steht jetzt die Volksschule. In die Mädchenschule zog 1958 der Arzt Dr. Viktor Haidegger mit seiner Familie ein und seit 1992 beherbergt dieswes Haus den Kindergarten. In der gewerbliche Fortbildungsschule, die ursprünglich das Spritzenhaus der FFW war, wurde im Untergeschoß eine Gemeinschaftskühlanlage eingerichtet und im Obergeschoß probte bis 1997 die örtliche Musikkapelle.

Direktoren an der VS Pettneu seit 1957

 

bis 1966 Alfred Wolf

1966 bis 1989 Nuener Raimund

1989 bis 2010 Herlinde Schönherr

seit 1.1.2011 Mathies Emanuel

Bild1 von Stimpfl

AUGUST STIMPFLS WANDGEMÄLDE AN DER PETTNEUER VOLKSSCHULE ist eher Eigensinn als ein innerer Auftrag, eher Interesse als Engagement und vor allem die Neugierde, die meine Arbeit vorantreibt. Alles, was vor dem Horizont liegt, erregt die Sinne, mit deren Hilfe ich das Dahinterliegende aufzuspüren versuche.
Der solches sagt, der Künstler August Stimpfl aus Imst, ist der Schöpfer der Wandgemälde an der Volksschule Pettneu. Diese sind sowohl hinsichtlich ihrer künstlerischen und handwerklichen Qualität als auch aufgrund ihrer Thematik interessant und wertvoll.
Der heute 82jährige August Stimpfl kann sich noch gut daran erinnern, wie er vom Gemeinderat unter Bürgermeister Robert Juen 1957 den Auftrag erhielt, das neue Schulhaus durch Wandbilder künstlerisch zu gestalten.

Stimpfl verwendete zu diesem Zweck Keim'sche Mineralfarben aus Deutschland, das beste Farbmaterial, für die Technik des Secco. Dabei wird (im Unterschied zum Fresco) auf den bereits trockenen Putz gemalt. Was beim Fresco das Sintern bewirkt, die dauerhafte Verbindung von Farbe und Malgrund, geschieht mit diesen Farben in wesentlich kürzerer Zeit. Betrachtet man die Gemälde, kann man feststellen, dass sich ihre dezente Leuchtkraft über die Jahrzehnte erhalten hat.

Vom Thema her gesehen, erscheint die Schutzmantelmadonna über dem Eingang "logisch": Kinder bedürfen des besonderen Schutzes. Himmel und Erde mit Symbolen für das Gebirgige und den kühlen Hauch des Gletschers umschließen die Figurengruppe, bestehend aus Maria, das Jesukind "christophorisch" auf der linken Schulter tragend, und neun knienden Kindern.

Die Körper sind aus zarten hellgrauen Linien und Farbflächen fein gewoben. August Stimpfl verwendete ausschließlich Farben "ohne Rufzeichen". Trotzdem geht auch vom Farblichen dieses Bildes eine den Betrachter ins dargestellte Geschehen hineinziehende Kraft aus. Gesichtsausdruck und Körperhaltung der Figuren weisen nach innen. Die Intensität der Gedanken und Gefühle tragen die Oberfläche und beziehen sie ein. So erhält das Bild auch eine Dimension, die an einen kontrapunktischen Tonsatz erinnert. Ein neugierig herbeigeflogenes Täubchen ist ein federleichter Akzent auf dem ruhigen Ernst dieses Gemäldes.
Mit dem großen Bild an der Ostfassade hat August Stimpfl mit philosophischer Hinterlist den üblichen Schulhausbilder-Kanon verlassen, indem er die Freiheit der Kinder zum Thema des Bildes machte.

Bild2 von Stimpfl

Neunzehneckig (ohne dadurch artifiziell zu wirken) steht es gegen das althergebrachte Schulwesen, das Gleichschaltung und Unterdrückung als Mittel zum Zweck der Erziehung zu leicht regierbaren Staatsbürgern anwendet. Da ist keine Lehrperson zu sehen, die Schülern mit dem Zeigestab Bilder einer Pflanze, eines Baumes oder das Stopfpräparat eines Tieres zeigt. Da leben alle Lebewesen und die Kinder mitten unter ihnen. Auch dieses Bild bezieht seine Spannung aus der tänzerisch anmutenden Linienführung der zeichnerischen Komponente und der Rhythmik der Farbflächen. Aufmerksam Betrachtenden vermittelt es Klarheit und Ruhe, die auch unserem Dorf längst abhanden gekommen ist.

 

Text: Oswald Perktold